Protokoll einer Irrfahrt nach Russland und zurück

Teil 1: Der Zöllner | Teil 2: Das Notebook |
Teil 3: Zehntausend Rubel | Teil 4: So weit die Füße tragen

Teil 3: Zehntausend Rubel

Dienstag, 21. Oktober 2008

Es wird ein neuer Broker gefunden. Er bzw. sie soll besser sein als der andere. Alle Dokumente werden dort abgegeben, Kopien gemacht, Preis erfragt, großer Schock: 10.000 RUR, also 290 EUR soll es kosten.

Ich werde einen Teil selber schreiben. Also zum Lager gehen, Box auspacken, alles wiegen. Gesagt, getan. Doch schon gibt es Schwierigkeiten. Das geht nicht ohne Zöllner. Die Brokerin ruft beim Zöllner an. Er muss aufgetrieben werden. Es ist der gleiche, der die Fotos gemacht hat. Hätte ich dem bloß Geld gegeben wegen der falschen Seriennummern! Aber wir wissen, es gibt ja noch viele andere Probleme. Zurück zur Box. Es muss ein Stapler aufgetrieben werden, der die Box holt.

So, die Box ist da, aber der Zöllner ist weg. Es ist zum wahnsinnig werden! Schließlich kommt er wieder und sagt, ich kann alleine kontrollieren und wiegen. Seine Anwesenheit ist nicht nötig. Verwundert reibe ich mir die Augen. Hier hat die russische Kontrollsucht aber gewaltigen Nachholbedarf. Also wiege ich und schreibe alles in die Liste. Die kleine Utensilienbox bleibt wie geplant stehen. Die Liste gebe ich ab und gehe zurück zum Auto. Ich stelle durch auseinander schneiden und zusammen kleben eine neue Liste als Muster zusammen. Die Liste enthält inzwischen wieder drei Warennummern. Nach Begutachtung und Genehmigung schreibe ich mit CarPC eine neue Geräteliste, Rechnung und CMR.

Am Nachmittag ruft die Brokerin an. Sie möchte Fotos von den Geräten mit Seriennummern haben. Da platze ich. Der Zoll hat x-mal kontrolliert, Protokoll geschrieben und 28 Fotos gemacht. Die soll sie sich besorgen. Das tut sie auch. Sie sollen morgen kommen.

Es ist wieder ein Tag vergangen. Nichts ist passiert, zumindest nichts Konkretes. Ich bin so traurig, so sauer, so niedergeschlagen. Dazu kommen finanzielle Sorgen. Für so viel muss ich hier bezahlen, teils recht hohe Beträge. Langsam wird es knapp. Eine a-conto-Zahlung ist nicht geleistet worden. Doch dann ruft TNT an. Sie überweisen 1.000 €. Die Laune bessert sich etwas.

Mittwoch, 22. Oktober 2008

10:00 Uhr
Gespräch mit Asmap-Chef. Er ist ehemaliger Zöllner und kennt die Konsorten. Er will sich einsetzen. Aber zaubern kann er auch nicht. Sonst fängt es prima an. Die Brokerin hat inzwischen die Fotos. Doch wieder ein Haar in der Suppe. Das Baujahr des Notebooks. Ich soll ein Foto vom Etikett machen. Dort steht das Baujahr. Der Hinweis auf das Notebook-Foto des Zolls nutzt nichts. Man traut dem nicht. Also erneut ins Lager, die ganze Prozedur von vorne. Box öffnen, Notebook aus der Tasche nehmen. Foto machen. Aber hier steht keine Jahreszahl. Kein Hinweis auf das Baujahr des Notebooks. Zeitwert 250 €. Also Notebook starten, in der Systemsteuerung war nichts zu sehen, aber die Windows-Dateien waren von 08/2000. Also lege ich fest: Baujahr 2000.

Nachmittags wird die Brokerin zum Zöllner Dmitrij gerufen. Ich laufe ihr nach und merke, hier stimmt was nicht. Ich soll warten. Beide gehen zum Chef. Nach Rückkehr betretenes Besicht. Dolmetscherin Lena wird hinzugezogen. Alles wird wieder umgeworfen. Mess-System wird wieder auseinander gerissen, weil die Ursprungsländer DE, DK, JP sind. Es müssen unterschiedliche Warennummern sein. Um den Irrsinn komplett zu machen, werden jetzt aus deutschen Kabeln dänische oder japanische?

Außerdem darf ich trotz Vollmacht die Rechnung nicht unterschreiben. Ein Stempel von imb soll eingeflogen werden. Jetzt spinnen die restlos. Jemand kommt auf die Idee, die Papiere nach Deutschland zu schicken und sie unterschrieben und gestempelt wieder zurückfaxen zu lassen. Tolle Idee! Alles wird vorbereitet und abgeschickt. Bei Asmap kann ich faxen. Hoffentlich heißt es morgen nicht, alle Dokumente müssen im Original vorliegen. Hier ist alles möglich.

Sämtliche Papiere müssen in kyrillisch geschrieben werden. Damit fallen meine geschriebenen Papiere aus, also auch CMR und Carnet TIR. Das geht mit Sicherheit auch gegen alle Regeln. Mindestens englisch muss möglich sein. Wie soll ein deutscher Zöllner das verstehen können?

Ich bin so wütend, dass ich überlege, heute Abend nach Moskau zur deutschen Botschaft zu fahren. Mache es aber nicht. Wäre auch Irrsinn gewesen. Smolensk – Moskau 420 km.

Jetzt arbeiten gleich zwei Brokerinnen an meinen Papieren. Sie stricken meine abgesprochenen Listen um. Sie legen sogar eine Abendschicht ein, um es für morgen früh fertig zu haben. Es soll auch nicht extra berechnet werden. 10.000 RUR für die Deklaration samt der anderen Formulare. Ich gehe noch einmal zu Asmap. Der Chef dort telefoniert mit jemandem und erzählt, dass ich die deutsche Botschaft einschalten will. Also es hat sich wohl rumgesprochen, dass ein Deutscher „wütet“ ist. Recht so. Bei meinem Gespräch mit Zöllner, Broker und Dolmetscher werde ich sehr laut. Der Saal im Zollamt mit 15 Schaltern, ebenso vielen Zöllnern und 10 Kunden ist ganz still. So muss das sein. Allerdings hat es nicht geholfen. Keiner hat angeordnet: „lass den Deutschen bloß fahren“.

Donnerstag, 23. Oktober 2008

11:00 Uhr
Ich hole die Dokumente beim Broker ab und lasse sie bei Asmap nach Deutschland faxen. Dann mit TNT mailen und telefonieren. Es dauert nicht lange, die Dokumente kommen unterschrieben und gestempelt zurück. Danach habe ich Zeit bis 15:00 Uhr.

Der Zoll hat genug Zeit, alles zu prüfen. Ich bezahle die Broker-Rechnung und hoffe auf erfolgreiche Prüfung. Am Nachmittag tut sich ein neues tiefes Loch auf. Werde heute noch nicht abfahren können, denn heute ist der „Tag der Russischen Zöllner“!

Die wenigen Zöllner, die zum Dienst erscheinen, arbeiten nicht oder noch langsamer. Die Chefs und der Rest haben schon morgens das Haus verlassen. In Zivil und gestriegelt gehen sie in spezielle Badehäuser und betrinken sich. Es heißt also wieder einmal: saftra — morgen. Ich frage nach der Höhe der Lagergebühr 13.466 RUR = 390 EUR. Sehr teuer! Ich sitze also wieder im Auto und warte.

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